Zum 90. Geburtstag von Sara Beer

Vertrauensperson in Neppendorf

Für mich war sie der Innbegriff der guten Schwester. Sie war nicht nur Arzthelferin, die Medikamente ausgab und Spritzen verabreichte, sie war auch eine kompetente Ansprechpartnerin für junge Mütter, freundliche Bezugsperson für die Kinder und Helferin in der Not. Zum Unterschied der Ärzte, die meistens nur rumänisch sprachen, redete sie die Patienten auch noch landlerisch an, was zusätzlich Vertrauen schaffte. Und Vertrauen in die behandelnden Mediziner ist bis heute die Grundlage für eine schnelle Genesung.
Dieses Vertrauen genoss Sara Beer während ihrer gesamten Berufstätigkeit nicht nur in Neppendorf sondern später auch in Deutschland. Am 5. und 6. Juni 2026 feierte die Schmidn Sodl, wie sie in Neppendorf genannt wurde, in Maisach-Gernlinden im Kreise ihrer Lieben, ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass baten wir die Jubilarin vorab um einen kurzen Rückblick auf ihr Leben, den wir mit herzlichen Glückwünschen zum runden Geburtstag gerne veröffentlichen.
„In der Nacht vom 5. zum 6. Juni 1936 wurde ich in Neppendorf, in Siebenbürgen, als Tochter des Gärtners Hans Fleischer und der Floristin Sara geb. Reisenauer, geboren. Meine Großeltern, die selbst drei Söhne hatten, sollen sich gefreut haben, weil endlich ein Mädchen in die Familie kam. Der Großvater war so stolz, dass er mich im Kinderkissen in den Laden vom Stenga-Hanstl-Vetter trug, um mich den Nachbarn zu zeigen. Auch mein Vater scheint ausgiebig gefeiert zu haben, denn er ließ meine Geburt beim Standesamt auf den 5. Juni und nicht, wie es korrekt gewesen wäre, auf den 6. Juni eintragen. Damit brachte er mich um die Schnapszahl 06.06.1936. Der Eintragungsfehler hatte aber auch seine Vorteile, denn nun konnte ich meinen Geburtstag guten Gewissens jeweils zwei Tage lang feiern.
Die Kindheit verbrachte ich im Hause des Großonkels Hans Fleischer, der keine Kinder hatte und deshalb später meinem Vater das Haus in Neppendorf Nr. 828 vererbte. Mein Vater arbeitete in der Friedhofsgärtnerei Steiger in Hermannstadt. Meine Mutter stellte Kränze aus selbstgemachten Papierblumen für Begräbnisse her. Nebenbei betrieb sie eine kleine Landwirtschaft. 1939 kam mein Bruder Hans zur Welt.
Während des Krieges wurde mein Vater wiederholt zum Heer eingezogen; zuerst zum rumänischen, später zum deutschen. Das Ende des Krieges stürzte uns in eine Katastrophe. Meine Mutter wurde im Januar 1945 zur Zwangsarbeit nach Dnjepropetrowsk, in der Ukraine, verschleppt, von wo sie erst nach vier Jahren wieder nach Hause kam. Mein Vater fiel im April 1945 bei der Verteidigung Berlins in russische Gefangenschaft und verbrachte eine schwere Zeit in einem Lager im Ural. Ende 1946 kam er heim. In der Zwischenzeit wurden wir, mein Bruder und ich, gemeinsam mit den beiden Kindern des Bruders meines Vaters von der Großmutter betreut, die kein Einkommen hatte.
Dass wir diese Zeit heil überstanden haben, grenzt an ein Wunder. In unserem Haus hatten die Russen ein Lazarett eingerichtet. Später wurde es enteignet und es kam das „Dispensar" (ärztliche Ambulanz) von Neppendorf hinein. Wir fristeten unser Dasein in der Sommerküche eines Nachbarn. Erst Jahre später durften wir wieder in unser Haus zurückkehren.
Die Grundschule besuchte ich in Neppendorf, das inzwischen nach Hermannstadt eingemeindet wurde. Anschließend ging ich auf die Sanitätsmittelschule und erwarb nach dem Fachabitur 1954 den Beruf einer medizinisch-technischen Assistentin. Mit meiner Klassenkollegin Maria Schnell ging ich täglich zu Fuß zur Schule.
Zu jener Zeit trug man in Neppendorf noch ländlich Tracht. In der Schule musste man aber städtisch gekleidet sein. Für uns war das äußerst ungewohnt; wir kamen uns wie „ausgekleidet" vor und schämten uns vor den vielen Neppendorferinnen, die wir unterwegs trafen. Deshalb zogen wir über die Schuluniform unsere ländlichen Kleider an, um sie vor dem Schultor wieder abzustreifen. Erst als wir ins Internat kamen, war die Kleiderfrage endgültig geklärt.
Meine erste Dienststelle war in Neithausen bei Agnetheln. Ich betreute drei Dörfer. Einmal in der Woche kam ein Arzt vorbei. Ansonsten war ich für alle Krankheitsfälle zuständig. Wichtige Arbeitsgeräte waren Gummistiefel und eine Stalllaterne, denn die Gegend hatte damals noch kein elektrisches Licht.
Von 1955 bis 1978 arbeitete ich als Fürsorgeschwester in Neppendorf. Meine Aufgabe war es, Neugeborene und Kleinkinder zu betreuen. Ich beriet die Mütter, wie sie ihre Kinder stillen, ernähren und pflegen sollen. Wenn ein Kind krank war, meldete ich das sofort dem zuständigen Arzt und verfolgte später die vorgeschriebene Behandlung. Die Besuche im Elternhaus waren vorgeschrieben. Über jeden Besuch musste ich einen Bericht schreiben. Meine Arbeit wurde streng kontrolliert. Neppendorf ist groß und ohne mein Fahrrad, mit dem mich schon alle kannten, wäre es schwer gewesen, meine Aufgaben zu erfüllen.
Nachdem ich 23 Jahre als Fürsorgeschwester tätig war, habe ich viele junge Mütter erlebt, die ich schon als Kinder betreut hatte. Ich kannte alle Bewohner Neppendorfs, ganz gleich ob sie Deutsche oder Rumänen waren; umgekehrt kannten mich alle Bewohner des Stadtteils.
Schutzimpfungen waren per Gesetz verpflichtend. Wir impften die Kinder gegen Tuberkulose, Pocken, Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten und Kinderlähmung. Die Mütter mit Kleinkindern mussten in die Ambulanz kommen. Die größeren Kinder erhielten die Schutzimpfungen im Kindergarten oder in der Schule. Ziel unserer Tätigkeit war es, die hohe Kindersterblichkeit zu senken.
1958 lernte ich meinen Mann, Samuel Beer, von Beruf Lehrer, kennen. Ein Jahr später heirateten wir und wieder ein Jahr später brachte ich unsere Tochter Ute zur Welt. Unser Sohn Uwe kam drei Jahre danach. Es war nicht leicht Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, trotzdem erlebte ich glückliche Jahre in Neppendorf.
1979 floh mein Mann aus politischen Gründen nach Deutschland. Mir und den Kindern wurde die Ausreise drei Jahre lang verwehrt. Ich wurde in die Ambulanz der Lebensmittelindustrie neben dem Neppendorfer Flughafen versetzt. Dort arbeitete ich bis zu meiner Ausreise nach Deutschland. 1982 durften wir endlich zu meinem Mann nach Stuttgart auswandern.
Nach der Anerkennung meiner Ausbildung arbeitete ich zunächst in der Veronika-Klinik und dann in der Praxis Dr. Haid-Fischer in Stuttgart. Ich war für die Sauerstofftherapie nach Prof. von Ardenne zuständig. 1996 ging ich in Rente, arbeitete aber stundenweise weiter bis zu meinem 70. Geburtstag. Mein Beruf hat mir viel Freude bereitet. Der Umgang mit Menschen und die Möglichkeit ihnen zu helfen, war mir eine große Genugtuung.
Auf vielen Reisen lernte ich immer mehr von unserer schönen Welt kennen.
Den Lebensabend verbringe ich glücklich im Kreise der Familie in Maisach-Gernlinden. Ich freue mich zu sehen, wie gut unsere Kinder das Leben meistern und unsere tüchtigen sieben Enkelkinder im Studium und im Beruf ihren Weg gefunden haben.

Brimes Sepp, Straubing

Weihnachten 2025 Foto: Ute Foith Zurück